„Fahrräder bewegen Bielefeld“: Neuer Fokus auf Kinder und Preis für Engagement

30.10.2017
Eine Gruppe von geflüchteten Kindern in der FBB-Werkstatt

Über die „Fahrräder bewegen Bielefeld“ (FBB) haben wir schon verschiedentlich berichtet. Ursprünglich gegründet, um Geflüchtete mit Hilfe von restaurierten Fahrrädern mobil zu machen, hat der Verein sein Engagement generell auf Bedürftige ausgeweitet und nimmt nun auch verstärkt die Nahmobilität von Kindern in den Fokus. In den NRW-Herbstferien kam eine Gruppe geflüchteter Kinder in die Fahrradwerkstatt des Vereins und legte mit Hand an.

Diese Fahrradwerkstatt ist kürzlich umgezogen, was nur durch umfassendes ehrenamtliches Engagement möglich war. Anlässlich des 200jährigen Bestehens des Fahrrades hatte FBB die Initiative gestartet, 200 Fahrräder insbesondere für bedürftige Kinder einzusammeln und wieder herzurichten. Durch eine Kooperation mit dem Verein Tabula setzte man nun die Idee in die Tat um, Kinder in den Herbstferien in die Werkstatt zu holen und sie mit dem Fahrrad vertraut zu machen.
Tabula setzt bei der Tatsache an, dass alle Förderklassen für geflüchtete Kinder voll sind und viele Kinder zurückbleiben. Um kein Kind zurückzulassen, werden diese Kinder (zurzeit etwa 150) aufzufangen durch Unterrichtsangebote, die sie weiterbringen: sportlich, musisch, praktisch. »Diese Kinder kommen hierher, sehen, wie wir hier leben, und stellen sich vor, Rechtsanwalt oder Arzt zu werden«, sagt Henner Husemann, stellvertretender Vorsitzender des Vereins Tabula, »niemand will in einen praktischen Beruf.«
In der Fahrradwerkstatt können sie dem Reiz einer handwerklichen Tätigkeit nachspüren. Sie sollen nach Anleitung bei einfachen Tätigkeiten mit Hand anlegen und ein Gefühl dafür bekommen, wie wertvoll ein Fahrrad ist und seine Funktion verstehen. Das soll bewirken, dass sie mit einem Fahrrad, das ihnen übereignet wird, sorgsam umgehen, es zu schätzen wissen, gerne nutzen und notfalls kleine Mängel selbst beheben.
Flankiert werden diese Maßnahmen durch einen Fahrkurs, in dem sie lernen, ein Fahrrad zu beherrschen und sich im Straßenverkehr regelkonform und sicher zu bewegen. So sollen sie auch auf die Fahrradprüfung vorbereitet werden.
FBB sucht in diesem Zusammenhang immer noch Fahrräder mit kleinen und mittleren Rahmenhöhen, denn es geht um Kinder, aber auch die erwachsenen Geflüchteten sind oft etwas kleiner als der Durchschnittseuropäer. Nochmals betont Angelika Wilmsmeier für FBB, dass auch deutsche Bedürftige Fahrräder bekommen sollen. Die Nahmobilität der Empfänger und ihre soziale Teilhabe sollen so gestärkt werden. Führt ihr Weg nach erfolgreicher Qualifizierung in den ersten Arbeitsmarkt, so sind es die Kunden der Fahrradgeschäfte von morgen, denn sie sind aufgrund ihrer Erfahrungen pro Fahrrad eingestellt. Auch Nachwuchs für Fahrradgeschäfte und –werkstätten könnte hier herangezogen werden.
Dass in der Werkstatt Fahrräder fachgerecht hergerichtet werden, dafür sorgen die Profis an der Spitze. Fachlicher Kopf ist der Zweiradmechaniker Felix Drasdo. Erwähnung verdient aber auch der aus dem Iran stammende Ingenieur Farzin Ahmadi, der in seinem Heimatland als Christ einen schweren Stand hat, in Deutschland aber immer noch um seine Aufenthaltserlaubnis ringt. Weil ihm die Fahrradschraubertätigkeit auf Dauer nicht genügt, hat er begonnen, in dem Computerprogramm Solid Works einen Fahrradrahmen zu konstruieren. Sollte er ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erhalten, so ist er an einer Festanstellung beispielsweise in der Entwicklungsabteilung eines Fahrradherstellers interessiert. Wer zu Farzin Amadi Kontakt aufnehmen will, kann sich unter radmarkt@bva-bielefeld.de melden.

Auszeichnung für FBB
»Die Kinder und Jugendlichen trainieren Konzentration und Durchhaltewillen, sie üben Zusammenarbeit und soweit es sich um Migranten handelt, erhalten quasi ganz nebenbei Deutschkenntnisse. So entsteht ein Kompetenzpaket, das weit über das Schrauben hinausgeht«, lobt Dr. Karl-Heinrich Sümmermann das Engagement. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Westfalen-Initiative erläutert damit zugleich die Jury-Entscheidung, das Projekt im Rahmen des diesjährigen Wettbewerbs »Westfalen bewegt« mit einem zweiten Preis zu würdigen.
Der Verein hat etwa 20 ehrenamtliche Helfer, zwei gelernte Fahrradmechaniker und fünf Ehrenamtler mit Migrationshintergrund, die sich zu zuverlässigen Mitarbeitern des Teams entwickelt haben. »Die Devise ,Arbeit gegen Fahrrad´ ist sehr überzeugend. Soziale Teilhabe wird auf diese Weise zu einer Selbstverständlichkeit«, lobt Thomas Sterthoff das Konzept. Der Vorstandsvorsitzende ist davon derart angetan, dass sich die Stiftung der Volksbank Bielefeld-Gütersloh zur Hälfte an der Auszeichnung beteiligt hat.
Der RadMarkt und der Radclub Deutschland haben »Fahrräder bewegen Bielefeld« seit seiner Gründung ideell und praktisch unterstützt und werden dies auch weiterhin tun.
www.tabula-bielefeld.de
www.fbb-ev.org

Text/Fotos: Michael Bollschweiler


 

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