Interbike 2017 besser als erwartet - Fachhändler setzen ein Zeichen

09.10.2017
Aus der Interbike wird 2018 Interbike Marketweek

Im Nachhinein hatten die Besucher der diesjährigen US-Fahrradmesse Interbike in Las Vegas doch ein verdammt flaues Gefühl im Magen. Kamen doch eine Woche nach Schließung der vom 20. bis 22. September laufenden Messe genau in dem Hotel (Mandalay Bay), in dessen Convention Center die Interbike letztmalig stattfand, mindestens 50 Menschen durch den Amoklauf eines Einzelnen um ihr Leben. Über 200 Personen wurden verletzt. Dabei war die »der Sielhölle« Las Vegas den Rücken kehrende Interbike allen vorherigen Unkenrufen zum Trotz weitaus besser als erwartet. Welche Rolle dabei der US-Fachhandel spielt, erfahren Sie hier.

Was war im Vorfeld der Interbike 2017 nicht alles schlecht geredet worden! Dabei ging es natürlich auch, aber nicht nur um den derzeit darbenden US-Fahrrad-Markt. Es ging allerdings auch um den durch weitere Ausstellerverluste geschwächten US-Branchentreff. Natürlich seien die jeweils zur Messe vorgeschalteten Outdoor Demo Days im Bootleg Canyon bei Boulder City/NV sowie die Messe im Mandalay Convention Center selbst weitaus kleiner ausgefallen als bisher, erklärt Interbike Vice President Pat Hus: »Das ist enttäuschend - aber Messen sind nun einmal der Spiegel der jeweiligen Branche. Wenn die Einnahmen geringer werden, wird zuerst bei den Marketingausgaben gespart. Trotzdem haben die Marken, die hier ausgestellt haben sowie die Fachhändler, die sich auf den Weg zur letzten Interbike nach Las Vegas gemacht haben, die Ausgaben für den Besuch dieses Branchentreffs auf einem rückläufigen Markt nicht bereut.«
Laut Bicycle Retailer-Editor Lynette Carpiet war die diesjährige Interbike tatsächlich kleiner: »Das haben wir gewußt. Dafür sind aber mehr Fachhändler nach Vegas gekommen als erwartet. In Anbetracht der aktuellen Branchensituation war die Atmosphäre sehr positiv.«
Hus bestätigt, dass er viel Positives von Besuchern – egal ob Aussteller, Importeure, Fachhändler oder Medienvertreter - der letztmals in Las Vegas stattgefundenen Interbike aufgesogen habe. Selbst das Feedback auf den erst im August kommunizierten Interbike-Umzug von Las Vegas nach Reno/Tahoe sei bestens aufgenommen worden.

Ab 2018: Interbike Marketweek
Am neuen Standort wird die führende US-Fahrradmesse mit neuem Konzept inklusive neuem Namen (Interbike Marketweek) vom 15. bis 20. September 2018 stattfinden. Ein erstmaliges Consumer Festival im 60 Kilometer südwestlich von Reno gelegenen Northstar California Resort in Tahoe startet zuerst durch. Dann geht es dort fließend in die eineinhalb-tägigen Outdoor Demo Days für den Fachhandel über. Erst nach diesem Wochenende findet die Messe selbst im Reno-Sparks Convention Center statt.

Letzte Outdoor Demo Days im Bootleg Canyon
Zurück zur diesjährigen Abschiedsveranstaltung in Las Vegas: Bereits auf den Outdoor Demo Days im Bootleg Canyon kristallisierte sich heraus, welcher Aussteller vom Fernbleiben der US-Größen wie Trek, Specialized, Fuji & Co. am meisten profitierten. So konnte sich Landsmann Pivot Cycles nicht beklagen. Die Schlange der Händler, die deren Produkte testen wollten, war lang.
Zwei deutsche Marken profitierten ebenfalls vom Ausbleiben der US-Größen. Sowohl am Haibike- als auch Focus-Stand wartete eine E-Bike-Testflotte auf die angereisten US-Händler, die vielleicht nicht so im Fokus gestanden hätte, wenn oben genannten US-Größen mit ihren »normalen« Fahrrädern vor Ort gewesen wären.
Noch ist der europäische E-Bike-Boom nicht über den großen Teich geschwappt. Mit dem E-Mountainbike im Rücken scheint sich das allerdings allmählich zu ändern. Diesmal waren es nicht nur vereinzelte US-Fachhändler, die sich erstmals auf ein E-MTB setzten, sondern fast alle, die den Weg von Vegas in den Bootleg Canyon auf sich genommen hatten.

Advantage E-Mountainbike
Vielleicht hat es sich ja auch unter den hiesigen Fachhändlern herum gesprochen, dass das E-Bike dem europäischen Fachhandel bessere Margen und steigende Umsätze bringt - und das wohlgemerkt bei niedrigeren »Normalrad«-Verkäufen. Die US-Kollegen vermelden sinkende Fahrrad-Verkäufe, haben aber auch noch keine E-Bike-Verkäufe, die ihre Situation verbessern würde. Mit dem E-MTB im Rücken könnte sich das ändern.
Fakt ist, dass das E-Bike (wenn auch auf sehr niedrigem Level) in den USA das einzige Fahrradsegment des Jahres ist, das ein Plus zu vermelden hat. Selbst wenn die Gesetzgebung weiterhin den Gebrauch von E-Bikes auf Biketrails verbietet: Was spricht dagegen, anstelle auf Single- auf zweispurigen Offroad-ATV-Trails zu radeln? Dabei können Genußradler sogar nebeneinander fahren und sich unterhalten. Nicht jeder (E-)Mountainbiker setzt auf den sportiven Ride...und somit könnte der Fachhandel vielleicht sogar eine ganz neue Klientel in seinen Laden locken!
Was auf den Outdoor Demo Days auszumachen war, galt auch für die darauf folgende Messe im Mandalay Convention Center: Viele kleine Aussteller freuten sich, wegen des Fehlens der Branchengrößen endlich von angereisten Fachhändlern die Aufmerksamkeit zu erhalten, die sie sonst nicht erreichen.

US-Fachhandel setzt Pro-Interbike-Zeichen
Apropos Fachhändler: Dass so viele den Weg nach Las Vegas auf sich genommen hatten (genaue Zahlen wurden zum Zeitpunkt des Schreibens leider noch nicht genannt), war nach den Absagen mehrerer Aussteller des Vorjahres auch nicht zu erwarten gewesen. Mit ihrem Besuch haben sie aber ein Zeichen gesetzt. Sie wollen eine nationale Messe, auf dem sich die Branche einmal im Jahr trifft und austauscht.
Das ist wahrscheinlich die wichtigste Botschaft der letztmals in Las Vegas stattfindenden Interbike: Die Fachhändler wollen einen Branchentreff. Eine Mehrheit äußerte sich auch positiv über das neue und im nächsten Jahr in Reno Tahoe loslegende Messekonzept von Interbike-Macher Emerald Expositions.

Branchengrößen quo vadis?
Somit sind jetzt die Branchengrößen am Zug: Setzen sie weiterhin mit ihren eigenen Veranstaltungen auf eine Zersplitterung oder sind sie künftig wieder gewillt, sich einmal im Jahr und vor allem gemeinsam zu repräsentieren?
Ihre Entscheidung wird wohl auch mit der Entwicklung der sich derzeit immer schneller drehenden Produktzyklen zusammen hängen. Einige Branchenkenner reden in diesem Zusammenhang schon von einer Überhitzung, die so nicht weitergehen kann (vor allem nicht auf einem stagnierenden Markt). Bleibt die Frage, ob sich das Rad noch einmal zurückdrehen lässt. Denn nicht alles, was früher war, ist schlecht.

Text/Foto: Jo Beckendorff
 

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