Thema Digitalisierung: WFSGI-Chef Frank A. Dassler redet Klartext

26.01.2016
WFSGI-Präsident Frank A. Dassler

Auf der Ispo Munich Hauptpressekonferenz 2016 referierte Frank A. Dassler (Bild) in seiner Rolle als Präsident des Weltverbands der Sportartikelindustrie (WFSGI) unter anderem zum Thema »Digitalisierung und ihre Auswirkungen auf die nationale und globale Sportbranche«. Weil Dassler auch darauf einging, wie der stationäre Handel bisher darauf reagiert und was sich ändern sollte, wollen wir diese Statements an die Adresse der Sportkollegen nicht unseren Fahrradbranchen-Lesern vorenthalten. Schließlich gehören dem WFSGI auch einige Fahrrad-Branchenteilnehmer an.

Schon länger würde in der Industrie vom »Internet der Dinge» gesprochen. Dabei geht es um Digitalisierung und Automatisierung - »Industrie 4.0 ist in aller Munde«. Aber genauso gut bräuchte man »Handel 4.0«. Bei dem müsse der Konsument im Mittelpunkt stehen.
Neue Handelskonzepte hätten die Einkaufswelt für Händler und Konsumenten verändert: Beim »Multichannelling« würden verschiedene Kommunikations- und Distributionskanäle angeboten, virtuelle Einkaufsberater würden die Konsumenten beim »Curated Shopping« unterstützen und bei »Click and Collect« könne der Konsument Online kaufen sowie die Ware selber beim stationären Einzelhändler abholen. Diese Konzepte würden die aktuelle Handelsrealität widerspiegeln.
Ob man das gut fände oder nicht: An diesen Entwicklungen käme man nicht vorbei. Warum? »Weil sich der Konsument geändert hat und sich ständig ändern wird. Wenn wir nicht Angebote schaffen, die seiner Lebenssituation und seinem Kaufverhalten entsprechen, dann werden Händler, die die Zeichen der Zeit nicht erkennen, ihren Laden über kurz oder lang schließen müssen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir durch die Digitalisierung noch ganz andere Handelsangebote sehen werden. Das muss nicht zu Lasten des stationären Handels gehen, ganz im Gegenteil», erklärt Dassler.
Laut Erkenntnissen der Forschungsinitiative zum E-Commerce - dem E-Commerce Center (ECC) in Köln - verzeichne man einen Anstieg des Umsatzes im Internethandel. Fazit Dassler: »Wir müssen den Konsumenten in seiner ’Consumer Journey’ - also die vielschichtigen Abläufe im Kaufentscheidungsprozess - noch besser verstehen.»
So stellte der Handelsverband Deutschland (HDE) letztes Jahr Ergebnisse aus einer Handelsstudie zum Kaufverhalten vor: Statistisch gesehen hätten zwei Drittel aller Deutschen heute ein Smartphone oder Tablet, nahezu alle unter 30-jährigen (94 Prozent) hätten eins - und für fast alle Smartphone-Nutzer ist das mobile Internet der Dienst der Wahl.
Konkret heiße dies: »Unsere Konsumenten haben heute ein Smartphone in der Tasche, und sie nutzen es ganz bewusst und gezielt unterwegs und vor allem am Point-of-Sale. Wir finden immer mehr ROPOs (=‘Research online, purchase offline‘) – also Konsumenten, die sich intensiv im Internet informieren, den eigentlichen Kauf aber nicht im Internet, sondern im stationären Einzelhandel tätigen. Das Internet ist für viele Konsumentengruppen der virtuelle Showroom, in dem sie sich informieren. Gekauft wird aber woanders, und nicht selten vor Ort.«
Hier stelle sich die Frage, wie der stationäre Handel darauf reagiert? Dassler findet es ernüchternd: »Zwei Drittel der Händler in Deutschland haben keine eigene Internetpräsenz.» Der Handel nutze die Zubringerfunktion des Internets also nicht oder nur unzureichend. Natürlich müssten die Fachhändler ihr Geschäft nicht komplett in einen Online-Shop umwandeln, aber sie sollten digitale Spuren hinterlassen.
Heute reiche es nicht mehr aus, von morgens bis abends das Geschäft aufzusperren und auf Kunden zu warten: »Es gibt allerdings schon heute Serviceangebote lokaler Händler, wie die Sofortlieferung von Produkten (’Same-Day-Delivery’). Das bieten Apotheken im Übrigen schon seit Jahren als selbstverständlichen Service an.»
Auch in der Sportbranche sollten neue integrative Service- und Erlebniskonzepte im Handel, die dem Kunden einen echten Mehrwert bieten, im Vordergrund stehen: »Natürlich sitzt der große Onlinehändler mit seinen Konzepten an einem langen Hebel, aber wer sich an der Basis nicht bewegt, der bewegt bald gar nichts mehr.«
Im letzten Jahr sei das Thema des „digitalen selektiven Vertriebs“ intensiv diskutiert worden. Während das Bundeskartellamt eine sehr restriktive Haltung eingenommen hat, befand jetzt das Oberlandesgericht Frankfurt im sogenannten »Deuter-Verfahren« (der RadMarkt berichtete), dass ein selektiver Vertrieb in der Sportartikelindustrie auch im Internet sehr wohl zulässig ist, wenn es darum geht, den Internethandel der Kunden auf offenen Plattformen zu begrenzen.
Dazu Dassler: »Ich blicke gespannt auf die nächsten Schritte bei diesem Thema, denn es sollte klar sein, dass wir als Markenunternehmen einen der Marke entsprechenden Standard bei Internetpräsenzen erwarten.«
Geschwindigkeit würde ein Erfolgsfaktor der Zukunft sein: »Wenn demnächst auch wieder marktnäher produziert wird und die Produkte nicht sechs Wochen im Container über die Weltmeere transportiert werden oder beim Zoll festsitzen, dann eröffnet das vollkommen neue Herangehensweisen für das Design, die Entwicklung und die Vermarktung von Sportartikeln«.
Insgesamt sei Digitalisierung sicherlich für viele noch schwer greifbar. »Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir damit greifbare Produkte produzieren werden. 3D-Druck wird schon heute für Komponenten für Tennisschläger, Zwischensohlen für Laufschuhe oder Brillen eingesetzt. Viele reden vom ’Internet der Dinge’, wir bringen die Dinge mittels Internet in naher Zukunft in die Läden«, meint Dassler schlussendlich.

Text/Foto: Jo Beckendorff


 

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