Vaude politisch: Bleiberecht-Initiative für Flüchtlings-Mitarbeiter

09.05.2018
Innenminister Thomas Strobl im Kreis von Vaude-Mitarbeitern.

Bergsport-Anbieter Vaude ist laut Eigenangaben dem politischen Aufruf nach Integration im Arbeitsmarkt gefolgt und hat bereits 12 Geflüchtete fest angestellt. Mittlerweile sind alle eingearbeitet, leisten ihren Beitrag im Unternehmen und sind sozial integriert. Nun droht sieben Mitarbeitern die Abschiebung. Vaude wollte sich das so nicht gefallen lassen. Und startet eine Unternehmer-Initiative, der sich innerhalb weniger Wochen über 80 Betriebe und drei Verbände in Baden-Württemberg angeschlossen haben. Mit dieser Power im Rücken fanden ihre Interessenvertreter am 19. April beim baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl in Stuttgart Gehör. Gemeinsam will man nun an Lösungen arbeiten.

Vaude startete diese Unternehmer-Initiative, um sich für das Bleiberecht geflüchteter Mitarbeiter mit festem Arbeits- oder Ausbildungsplatz stark zu machen. Dazu Vaude-Chefin Antje von Dewitz: »Wir haben Verantwortung übernommen und viel Zeit und Geld investiert. Nun sollen wir die Arbeitskräfte, die wir dringend brauchen, wieder verlieren. Das wäre für uns ein hoher wirtschaftlicher Schaden, ganz zu schweigen von der menschlichen Katastrophe. Wir wollen nicht länger Spielball der Politik sein.«
Das scheinen auch andere Unternehmen so zu sehen. Die über 80 Betriebe und drei Verbände aus Baden-Württemberg repräsentieren mit ihren 545.329 Mitarbeitern – »davon 2.001 Flüchtlinge in fester Anstellung oder Ausbildung« - im Ländle einen Jahresumsatz von über 44 Milliarden Euro. Ein Pfund, mit dem man wuchern kann.
Am 19. April wurde die Unternehmer-Initiative unter der Federführung von Antje von Dewitz und Gottfried Härle (Brauerei Härle) vom baden-württembergischen Innenminister Thomas Strobl in Stuttgart empfangen. In ihrem Gespräch mit dem Minister forderten sie eine Bleibeperspektive für Geflüchtete mit einem festen Arbeits- oder Ausbildungsplatz. Sie zeigten auf, welch wirtschaftlichen Schaden eine Abschiebung der geflüchteten Mitarbeiter zur Folge hätte und wie groß der Bedarf an Arbeitskräften insbesondere in der Produktion, dem Handwerk, der Altenpflege und dem Dienstleistungsbereich ist. Denn darin sind sich alle einig: »Die Einstellung von Geflüchteten wäre eine Chance, diesem akuten Mangel an Auszubildenden und Arbeitskräften zu begegnen.«
In diesem Zusammenhang machte Anbieter Vaude auch darauf aufmerksam, dass auch er in bestimmten Bereichen mit einem Arbeitskräftemangel zu kämpfen hat - »insbesondere in der betriebseigenen Manufaktur«. Dort werden am Standort Obereisenbach von über 40 Mitarbeitern wasserdichte Radtaschen, Rücksäcke und Taschen hergestellt.
»Unsere ‚Made in Germany’-Produkte sind weltweit gefragt und wachsen bei uns am stärksten, sodass wir die Produktion erhöhen und Mitarbeiter einstellen können«, so Antje von Dewitz, »allerdings finden wir für diesen Bereich, also unsere Schweißerei und Näherei, kaum Mitarbeiter. Als wir anfingen, uns für die Integration von Geflüchteten zu engagieren, indem wir unter anderen Näh-Workshops oder Bewerbertrainings anboten, haben wir festgestellt, dass wir dabei auch geeignete und sehr motivierte Mitarbeiter finden können. So haben wir ihnen eine berufliche Chance geboten.« Mittlerweile arbeiten elf Geflüchtete in den Vaude-Bereichen Produktion, Logistik und Produktservice. Hinzu kommt ein Auszubildender zum Industriekaufmann.
»Als die große Flüchtlingswelle einsetzte, haben wir die Ärmel hochgekrempelt und Geflüchtete eingestellt, die kaum Deutsch sprachen und denen unsere Arbeitsabläufe völlig fremd waren. Das war ein enormer Aufwand. Zahlreiche Mitarbeiter waren eingebunden, von administrativen Aufgaben über die Einarbeitung bis hin zur alltäglichen Integrationshilfe. Zudem haben wir Deutschkurse organisiert, bei Behördengängen oder der Wohnungssuche unterstützt, und schließlich Anwälte engagiert, um rechtliche Schritte gegen die Abschiebungen einzuleiten», spricht von Dewitz Tacheles – und wanrt: »Jetzt, wo sie voll integriert sind und wertschöpfend arbeiten, sollen sie abgeschoben werden. Das hätte einen hohen wirtschaftlichen Schaden zur Folge.
In Zahlen: Insgesamt habe Vaude 63.000 Euro in die Betreuung und Qualifizierung dieser Mitarbeiter investiert - die Hälfte davon hat die Arbeitsagentur übernommen. Im Falle von sieben möglichen Abschiebungen müsste Vaude zwangsläufig die Produktion herunterfahren, was zu einem Umsatzausfall von rund 240.000 Euro führen würde.
Nach dem Gespräch mit Minister Strobl meinte Antje von Dewitz: »Wir konnten Herrn Strobl deutlich machen, dass nicht nur ein Fachkräftemangel, sondern auch ein akuter Arbeitskräftemangel für einfache Tätigkeiten oder Helferberufe besteht. Vor diesem Hintergrund hält auch er ein Einwanderungsgesetz für sinnvoll, das eine legale Zuwanderung für Geflüchtete ermöglicht, die hier gebraucht werden. Bis ein solches Gesetz existiert, fordern wir Unternehmen einen stichtagsbezogenen Duldungstatbestand für Geflüchtete, die bereits einen festen Arbeitsplatz in Deutschland haben. Herr Strobl hat zugesagt, sich damit zu befassen und mit uns weiter an einer Lösung zu arbeiten. Dazu wird es einen Folgetermin mit dem Minister im Herbst geben.«
Letztendliches Fazit: »Wir haben das Gespräch mit Minister Strobl als konstruktiv empfunden. Gemeinsam konnten wir ein wichtiges Signal senden und die Problematik darstellen.«

Text: Jo Beckendorff/Vaude, Fotos: Vaude
 

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