Aus alten Reifen werden neue: Schwalbe schließt den Kreis

15.07.2022
Die Schwalbe-Fachhändler sammeln ausgediente Reifen in Recycling-Containern.

Als erstem Fahrradreifenhersteller weltweit ist es der Firma Ralf Bohle (Marke: Schwalbe) gemeinsam mit dem Recyclingspezialisten Pyrum Innovations
und der Technischen Hochschule (TH) Köln gelungen, einen Reifenrecyclingprozess zu entwickeln, in dem alte Reifen vollständig wiederverwertet werden – ganz ohne Abfall.


Schon seit dem ersten Reifen vor fast 50 Jahren stehe das Thema Nachhaltigkeit als wichtiger Wert bei Firmengründer Ralf Bohle ganz oben, berichtet die Firma: Dazu gehören langlebige Produkte ebenso wie die Wiederverwertung der gebrauchten Produkte. Der neue, nach jahrzehntelanger Forschung sowie einem aufwendigen Pilotprojekt in Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern entwickelte Prozess bezeichnet Bohle als Quantensprung: Bislang wurden gebrauchte Fahrradreifen verbrannt. Dabei gehen die Rohstoffe verloren und es wird CO2 frei. Nun wird aus den alten Reifen durch Pyrolyse rCB (recovered Carbon Black), Rohstoff für neue Reifen. Das spart nach Angaben von Bohle 80 Prozent CO2 ein.
Die Pyrolyseidee entstand unter Studenten in einer Gartenhütte. Pascal Klein entwickelte daraus Pyrum, ein Unternehmen, das heute an der Börse notiert und Pionier im Pyrolyseprozess ist. Pyrum führt derzeit die einzige Reifen-Pyrolyseanlage weltweit, die das ganze Jahr produziert. 
Die gebrauchten Reifen werden bei den Schwalbe-Händlern in Transportboxen gesammelt und per Logistiker Emons zu Pyrum gebracht. Dort werden sie in vier Stufen geschreddert und getrennt in Gummigranulat, Textilfaser und Stahl. Das Gummigranulat kommt in den Pyrolyse-Backofen bei 700 Grad Celsius unter Sauerstoffausschluss. Die Endprodukte sind Gas, Öl und Pyrolysekoks. Das Gas versorgt die gesamte Pyrolyseanlage mit Strom (läuft komplett autark), das Öl wird von BASF in Textilfasern genutzt. Der Pyrolysekoks schließlich wird zu rCB weiterverarbeitet und vom Schwalbe-Produktionspartner Hung-A in Indonesien in neuen Schwalbe-Produkten eingesetzt.

Recycling-Material in »Schwalbe-Qualität«

»Recycling nicht um jeden Preis – erst wenn die Qualität der recycelten Materialien dem notwendigen Niveau entsprechen, mit dem wir wieder Schwalbe-Qualität produzieren können, sind wir mit dem Ergebnis zufrieden. Deshalb forschen wir so intensiv mit dem Team der TH Köln und Sebastian Bogdahn«, erzählt Holger Jahn, Schwalbes COO. »Das für die Reifenproduktion wichtige vCB (virgin Carbon Black, d. Red.) soll in Zukunft komplett durch rCB ersetzt werden.« Recycelte Materialien sind nicht immer von gleicher Qualität wie ihre Ursprungsmaterialien. Um neue Fahrradreifen aus gebrauchten herzustellen, sei eine gleiche Qualität aber ein Muss. Denn der Reifen am Fahrrad ist ein sicherheitsrelevantes Bauteil und der einzige Kontaktpunkt zwischen Fahrerin und Untergrund. Gerade bei viel höheren Belastungsansprüchen an Fahrradreifen heute müsse die Schwalbe-Qualität und Performance die gleiche sein, erklärt der Hersteller. An der TH Köln wirken daher Prof. Dr. Malek und das Team um Doktorand Sebastian Bogdan, der die wissenschaftlicher Leitung des Schwalbe Recycling Systems innehat, an der Entwicklung des Fahrradreifen-Recyclingprozesses mit, um hochwertiges rCB aus dem Gummigranulat gebrauchter Reifen zu erzeugen. Prof. Dr. Katrakova-Krüger erforscht in ihren Materialstudien, ob und wie man mit dem rCB in der passenden Gummimischung wieder hochwertige Fahrradreifen produzieren kann. Für diese Forschungsarbeiten hat sie bereits den Transferpreis der TH Köln erhalten.

»Wie 1983 mit dem ersten Schwalbe Marathon sind wir mit dem Reifenrecycling am Anfang eines langen Weges und Pyrum sehr dankbar für ihre Pionierleistungen im Pyrolyseprozess«, sagt CEO Frank Bohle. Schwalbe hatte zunächst seit den 90er Jahren Reifenabfälle zu Gummimatten für den Fachhandel downgecycelt und verwertet seit 2015 ausgediente Schläuche wieder, die in einem von Jung-A entwickelten Devulkanisierungsprozess wieder verarbeitbar gemacht werden.
Im nächsten Schritt zum Reifenrecycling werden ab sofort 500 Fachhändler mit der eigens entwickelten Reifenrecyclingbox ausgestattet.
Das erste Produkt, das ohne vCB (neues Carbon Black) auskommt und nur noch rCB aus recycelten Reifen enthält, stellt Bohle auf der Eurobike vor.

vz/Fotos/Grafiken: Ralf Bohle
 

Weitere Themen, die Sie interessieren könnten